Aktuelles
Willkommen
St. Jakobus
Gottesdienste
Kindergarten
Gruppen
Termine
Pfarrheim
Bücherei
Publikationen
Quartiersprojekt
Caritas
Links
Kontakt

29.04.2012

Die fremde Feder: Gehorsam noch zeitkonform?

Meine Kirchenkrise begann an Gründonnerstag dieses Jahres, als der Papst zum Gehorsam aufrief. Hintergrund war der Aufruf österreichischer Priester zum Ungehorsam, da die Kirche gewachsene Pfarreien auflöst und Reformen verweigert. Vehement wurde besonders die Frauenordination abgelehnt. Für Frauen als Priester gebe es keine Vollmacht von Christus. Pfarrer und Gläubige sollten gehorchen. Ich war innerlich kurz vor dem Austritt. Warum eigentlich? Ich bin nicht der Meinung, dass weibliche Priester die Kirche retten würden. Salopp ausgedrückt, Rasenmähen und Getränkekisten tragen überlasse ich gern Männern, warum nicht auch Pfarrer sein? Was war es also, was mich so vor den Kopf stieß? Ich ging auf Spurensuche im Internet.

Die Einübung von vollkommenem Gehorsam ist die zentrale Regel von Benedikt von Nursia. Gehorsam war damals existentiell wichtig. Es herrschte Anarchie, als das Römische Reich zusammenbrach und Gehorsam bildete die Voraussetzung für funktionierende Strukturen, Grundstein für den Aufstieg Europas. Gehorsam begründete eine verantwortliche persönliche Beziehung. Seitdem ist viel Zeit vergangen, tausendfünfhundert Jahre. Eine Gehorsamsforderung mit den Kommunikationsmitteln der Moderne schafft dagegen eine anonyme, unpersönliche Beziehung. Daher funktioniert auch das auf persönlicher Beziehung aufgebaute Feudalsystem nicht mehr. Der Priestereid enthält noch heute die Verpflichtung zu Gehorsam. Was ist damit gemeint?

Das Internet macht recht schnell deutlich, Kirche und Welt verwenden den Begriff in völlig verschiedener Auslegung. Die aktuellsten Anweisungen der Kirche, wie sie Gehorsam verstanden wissen will, entnehme ich den vatikanischen Instruktionen vom 11. Mai 2008: DER DIENST DER AUTORITÄT UND DER GEHORSAM.
Hier finde ich einen Satz, der tatsächlich meine innere Rebellion auslöst:

„Wenn von ihnen der Verzicht auf die eigenen Ideen oder Pläne verlangt wird, kann der Gottgeweihte ein Gefühl der Verwirrung und der Ablehnung gegenüber dem Vorgesetzten überkommen. Sie können in sich »lautes Schreien und Tränen« (Hebr 5,7) vernehmen und flehen, der Kelch möge an ihnen vorübergehen. Doch ist dies auch der Augenblick, sich dem Vater anzuvertrauen, damit sein Wille geschehe (…).“

Dieser Gehorsam soll dabei völlig naiv sein, d.h. ohne die Autorität (welche?)in Frage zu stellen:
5. »Höre, mein Sohn« (Spr 1,8). Der Gehorsam ist vor allem eine kindliche Haltung. Er ist jene besondere Form von Hinhören, die nur ein Sohn seinem Vater schenken kann (…) weil dieser ihm mit Sicherheit nur zum Besten gereichen wird.

Wer ist das denn, dem wir hier Gehorsam schulden, frage ich mich unwillkürlich:
27. (...) »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apg 5,29)?(…) Zu sagen, nur der Wille Gottes zähle, nicht jedoch die Vermittlung, beraubt das Gelübde allzu leicht seiner Bedeutung. (…)

Aha, hier geht es um Gehorsam gegenüber Menschen, wenn auch in kirchlicher Funktion. Ein Vergleich mit der Kreuzigung ist für mich nicht nachvollziehbar. Und genau diese Stelle macht auch die Differenz kirchlicher Legitimation und heutiger psychologischer Definition deutlich. In den Augen von Papst Benedikt ist Kirchenkrise eine Gehorsamskrise. Aber ist die Ablehnung von Gehorsam wirklich nur ein Akt von Selbstverwirklichung, Zeitgeist der 70´er Jahre, ein verkappter Egoismus? Die Kirche weist darauf hin, funktionsfähige Strukturen gebe es nur mit Gehorsam. Dazu kommt der Gehorsam in der Familie, letztlich Regeln, die Eltern durchsetzen müssen, um Kinder vor Gefahren zu schützen. Ist das ausreichend, um Gehorsam in der Kirche zu rechtfertigen?

Mein eigener Gehorsamsbegriff ist zeitbedingt negativ besetzt, aber keineswegs relativistisch. Ich möchte nicht wie Adorno das Kind mit dem Bad ausschütten und einen geraden Weg von der bürgerlichen Gehorsamserziehung nach Ausschwitz ziehen; Hannah Arendt, die den Organisator des Holocaust Eichmann zitiert, der doch nur gehorcht habe. Die psychologischen Experimente von Stanley Milgram, in der fast 90% zu befohlenen Grausamkeiten bereit waren, wenn eine Autorität die Verantwortung dafür übernahm. Das Rechtsbewusstsein siegte über das Mitleid. Eine Wiederholung des Experiments in der Schweiz (28.1.2009, Neue Züricher Zeitung) erbrachte fast die gleichen Ergebnisse. Gehorsam wird heute kaum noch in der Kindererziehung gebraucht. Selbst das Militär muss sich mittlerweile rechtfertigen, wenn es Gehorsam fordert. Masse ist grausam, wenn sie gehorsam ist, der Klassiker von Gustave Le Bon beschreibt es. Wir sind heute misstrauisch, wenn einer offen Gehorsam fordert.

Beeindruckt hat mich als Kind der Satz im Matthäusevangelium (23, 8-10): Du sollst keinen anderen Lehrer haben als Christus und kein anderer ist der Vater als Gott, der, dessen Reich nicht auf dieser Welt ist. Es war ein Satz aus einer anderen Welt. Diese Form von christlichem Gehorsam beinhaltet für mich eine Legitimität, die mich unabhängig von der aktuellen political correctness macht. Es blieb für mich immer Kern jeden gerechten Widerstandsdenkens.

Aber dieser Gehorsamsbegriff in den Gehorsamsinstruktionen von 2008 hatte nichts mit meiner Religion zu tun. Nichts, genau wie in den letzten Jahren die Dienstanweisungen in der Strukturdebatte „Zukunft heute“, als Mitarbeiter der Kirche nichts gegen Kindergartenschließungen und unsinnige Organisationsstrukturen sagen durften, es galt ja Gehorsam. Hier werden Wertsphären vermischt. Der Gehorsam dem Ideal gegenüber wird vermischt mit betrieblichen Anweisungen des Unternehmensberaters McKinsey. Zweiteres begründet Herrschaft im Sinn von Max Weber. Es geht um Geld, Macht und Einfluss, wie in jeder Firma.

Wenn Papst Benedikt heute Frauen als Priester ablehnt, weil Christus das nicht autorisiert hat, dann sollte der Vatikan konsequent bei dieser Auslegung bleiben. Denn autorisiert wurden weder der Zölibat, weder die Trennung von Priestern und Laien, weder Bankgeschäfte noch die Strukturreformen. Der Schwur wird verboten. Ebenso wird Scheitern von Lebenskonzepten im Evangelium nicht derart sanktioniert, wie derzeit in der katholischen Kirche. Wenn der Vatikan absoluten Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift fordert und modernere Auslegungen ablehnt, dann sollte er das auch konsequent betreiben.

Fazit: Der Begriff Gehorsam wird vom Vatikan widersprüchlich verwendet, hierarchischer Gehorsam und idealistischer Gehorsam - profan und heilig - werden nicht getrennt. Ebenso wird die moderne Bedeutung von Gehorsam mit ihrer negativen Konnotation nicht reflektiert. Hier ist auch eine stärkere Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte gefordert. Früher war Gehorsam eine persönliche Beziehung, wichtig um zu überleben. Mit den Mitteln der Massenkommunikation und den ferngelenkten Kontrollmöglichkeiten in einer globalen Welt wird über Gehorsam persönliche Verantwortung ausgeschaltet. Das Ergebnis ist ein internes Kontrollsystem, dem die Basis entflieht. Was bleibt?

Die Anwendung des Gehorsamsbefehls in der Moderne führt in fundamentalistisches Fahrwasser und hat nichts mehr mit der ursprünglichen Idee zu tun. Das spüren viele und sehen sich vor dem inneren Konflikt zwischen Kirche und Glauben. Um den Sinn, den Geist von Regeln zu erhalten, muss sich manchmal die Regel selbst ändern. Diese Spannung gefährdet die innere Geschlossenheit der Kirche. Dialog ist vielleicht ein zaghaftes Drängen der Basis, die Realität in ihrer Komplexität in die kirchlichen Anordnungen zu tragen. Sinnvollen Einfluss in der westlichen Welt kann die Kirche nur bewahren, wenn sie endlich die Auswirkungen der Moderne auf ihr System reflektiert, denn die Menschen die leben, leben in dieser Welt. Disziplin lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, sondern nur mit Begeisterung. Das aggiornamento (Aktualisierung) - gefordert vom II. Vatikanischen Konzil - lässt auf sich warten.

Dr. Bettina Vogel-Walter, Widdersdorf, Treptowstraße


Wie immer an dieser Stelle sind Sie aufgerufen, Ihre Meinung zu schreiben. Die Redaktion freut sich auf Leserbriefe. Schreiben Sie einfach an ihr Pfarrbüro: st.jakobus@pv-lww.de, st.marien@pv-lww.de oder st.severin@pv-lww.de.,Stichwort: Newsletter, Leserbrief.
Übersicht

Zurück zur Übersicht
des Newsletter-Archivs
[Zurück]

Weitere Artikel

Fronleichnam in Widdersdorf
(Artikel vom 29.04.2012)

Spatenstich für Beginenhof
(Artikel vom 29.04.2012)

Pfarrfest in Weiden
(Artikel vom 29.04.2012)

Bio oder nicht, das ist hier die Frage
(Artikel vom 29.04.2012)

  © Kath. Kirchengemeinde St. Jakobus | Impressum | Datenschutz