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02.05.2013

Interview mit Frau Böge

Frau Böge, eine Ära geht zu Ende. 30 Jahre sind Sie in der Caritas von Weiden, repräsentieren Sie. Wie sind Sie zur Caritas gekommen?

Es begann mit 16 Jahren, als ich in der damaligen Caritas in meinem Heimatort in Schleswig-Holstein der Caritasschwester zur Hand gehen durfte.

Wie kamen Sie nach Köln?

Vor 40 Jahren wurde mein Mann nach Köln versetzt und seitdem wohnen wir in Köln-Weiden.
Meine Caritastätigkeit hier begann vor 30 Jahren. Damals gab es in der Gemeinde einen kleinen Caritasausschuss mit etwa fünf Personen unter hauptamtlicher Leitung. Dieser Ausschuss tagte regelmäßig und befasste sich mit anliegenden Hilfsprojekten und deren Ausführung. Ansprechpartner waren damals auch Herr Weiß und später Herr Müller.
Als Herr Müller erkrankte, bat er mich um seine Vertretung. Mein Wunsch war, diese Vertretung so rasch wie möglich wieder abzugeben. Doch als sich sein Gesundheits-zustand verschlechterte, ermunterte er mich, die Arbeit fortzusetzen.

Frau Böge, Caritas unter Ihnen ist ein System, das in dieser Form nicht fortgeführt werden kann, wie mir jeder versichert. Haben Sie jemals Menschen einfach weiterverwiesen? Es ist doch unmöglich immer zu helfen?

Jeder der kommt soll mit dem Gefühl hinausgehen, dass sein Problem erkannt und ernst genommen wurde. Es kommen Menschen mit Alltagsproblemen, Menschen, die eine not-wendige Anschaffung nicht allein finanzieren können, Studenten auf Wohnungssuche, Flüchtlinge, Alleinerziehende, Einsame, Kranke und Arbeitssuchende.
Ich gehe stets ganz pragmatisch vor und höre zunächst zu. Dann versuche ich, im Ge-spräch mögliche Wege aufzuzeigen oder erste Maßnahmen einzuleiten. Ich kann Verbin-dungen aufbauen, ein Telefongespräch führen, Formulare ausfüllen. In den Tagen da-nach beginnt oft erst die umfassendere Arbeit. Wenn es um Krankheit, Pflege und Be-treuung im Alter geht, stelle ich den Kontakt zur Caritas-Sozialstation in Lindenthal her.

Welche Veränderungen gab es in den 30 Jahren in der Caritasarbeit?

Die Caritas hat in Weiden schon immer einen breiten Raum eingenommen. Bekannt sind die Arbeiten in der Kleiderkammer (wurde erst vor ein paar Jahren eingestellt), die Be-treuung im Seniorenkreis, Besuche in den Krankenhäusern, Fahrdienste, Überbringung von Geburtstagsgrüßen an ältere Menschen, die Betreuung der Aussiedler in der Pots-damer Straße.
Alle diese Gruppen arbeiteten und arbeiten selbständig, jedoch in dem Bewusstsein, dass sie gegenseitige Hilfe erwarten können, wenn sie nötig wird.

Schon vor 30 Jahren gab es die Rentnerinnen und Rentner mit der zu kleinen Rente, die regelmäßig einen kleinen Zuschuss aus der Caritaskasse erhielten. Damit waren auch regelmäßig Hausbesuche verbunden. Eine Zeit lang wurde die Sprechstunde von bis zu 20 Obdachlosen aufgesucht. Die kleinen Geldbeträge waren auch hier oftmals nicht das Wichtigste für sie. So bekam ich Sätze zu hören wie „Es tut so gut, als Mensch gesehen und behandelt zu werden“ oder „Endlich kann ich einmal in Ruhe sprechen. Sie sehen nicht weg und Sie hören zu.“

Der Wunsch, diese Menschen in ein Stück normales Leben zu begleiten war vor Ort jedoch nicht möglich. Um effektive Hilfe anzubieten, habe ich sie an die Caritas in Ehrenfeld verwiesen, wo professionelle Hilfe möglich war. Dort erhalten sie auch preiswertes Mittagessen, können duschen oder ihre Wäsche waschen. Einige von ihnen kamen trotzdem noch lange nur zum Gespräch.

Heute haben wir wieder viel mit Migranten und Flüchtlingen aus dem Aussiedlerheim aber auch aus Lövenich zu tun. Hier fehlt es oft an allem. Kleidung, Wäsche, Möbel, Geschirr, aber auch an Geld um einkaufen zu können, bis das erste Geld vom Staat überwiesen wird. Wir unterstützen dann mit einem Einkaufsgutschein. Dieser wird erst nach genauer Prüfung der Situation ausgestellt.

Gibt es denn heute überhaupt noch Probleme, die der Staat nicht auffängt?

Oh ja, Sie glauben gar nicht, wie schnell man abrutschen kann. Ich sage immer, es kann jeden treffen. Keine Gesellschaftsschicht ist davor gefeit. Es genügen manchmal einige gravierende Schicksalsschläge, die auch nicht immer selbst verursacht sein müssen und deren Folgen könnten sein: Keine Wohnung, keine Arbeit, kein Geld, keine Krankenversicherung.
Ich denke aber auch an die Menschen mit sehr geringem Einkommen. Es gibt zwar die Möglichkeit der staatlichen Aufstockung auf Grundversorgungsniveau, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die das nicht in Anspruch nehmen wollen, weil sie sich schämen, darauf angewiesen zu sein.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Aussiedlerheim aus? Reichen dort nicht die staatlichen Angebote?

Die Kontakte zum Aussiedlerheim entstanden aus der Flüchtlingshilfe durch zwei Ge-meindemitglieder. Meine Ansprechpartnerin dort war bis vor kurzem eine sehr engagierte Sozialarbeiterin. Sie informierte uns über neue Hausbewohner und deren Probleme. Vielen von ihnen fehlte einfach alles. Dann begann die Nachfrage nach notwendigem Inventar. Eine große Hilfe waren dabei die vielen Angebote von Gemeindemitgliedern.
Das Aussiedlerheim in Weiden wird 2014 erweitert. Das wird uns noch beschäftigen.
Was nun meine Sprechstunde und die damit angefallenen Arbeiten betrifft, wurden die großen Probleme und Entscheidungen immer auch mit Pastor Fischer abgesprochen und von ihm mitgetragen. Unterstützend wirkte stets auch die gute Zusammenarbeit mit dem Pfarrsekretariat.

Geht Ihnen die Arbeit manchmal nach?

Wenn man sich auf die Menschen und ihre Befindlichkeiten einlässt, kann man das Gehörte nicht so einfach abschütteln und seinen Tag unbeschwert leben. Ich habe manche Nacht grübelnd über Lösungen nachgedacht. Freude und Erfüllung über das Geschaffte heben die Sorgen jedoch immer wieder auf. Mein schlimmstes Erlebnis dabei war, als einer Mutter der Selbstmord ihres Sohnes zu überbringen war.

Haben Sie Angst ausgenutzt zu werden?

Angst lähmt und das wäre für diese Arbeit kontraproduktiv. Skepsis ist natürlich immer angebracht. Ich denke aber auch, dass wir unseren Mitmenschen positiv begegnen sollten, solange sie uns nicht enttäuschen. Einmal wurde ein Einkaufsgutschein auf einen höheren Betrag gefälscht. Wir haben damals die Polizei eingeschaltet.Man erkennt vielleicht nicht immer, wenn Sie jemand betrügt. Aber Sie spüren nach lang-jähriger Erfahrung ziemlich schnell, ob Leute in wirklicher Not sind. Caritasarbeit lebt von Vertrauen und von einem Vertrauensvorschuss. Lieber einmal im guten Glauben geholfen zu haben wo es nicht nötig war, als einmal nicht geholfen zu haben in der Not.

Gibt es ökumenische Zusammenarbeit? Wie sieht es in der Pfarreiengemeinschaft aus?

Bei einzelnen Fragen und Projekten gab es zwischen der Diakonie in Weiden sowie der Caritas Gedankenaustausch und Hilfen. Zum Beispiel bei der Frage, wie mit den Obdachlosen umzugehen ist. Die Diakonie hatte über viele Jahre in den Wintermonaten Bauwagen für die Obdachlosen angeboten. Wir haben uns zum Teil an der Ausstattung der Wagen und an den Stromkosten beteiligt, weil es uns räumlich nicht möglich war, dieses Winterangebot bei uns zu erweitern. Ebenfalls wurde die Verteilung von Rundschaupaketen zu Weihnachten abgestimmt.

Da Lövenich keine Caritassprechstunde anbietet wurde vereinbart, dass Notfälle auch in Weiden betreut werden. Widdersdorf hat eine eigene Anlaufstelle.

Werden Sie Caritas vermissen?

Ein solches Ehrenamt ist kein Selbstzweck. Ich bin für die Menschen da, nicht die Menschen für mich. Somit lege ich Caritas nicht mit dem Amt ab.
Caritas heißt, die Augen offen zu halten und nach Möglichkeit zu helfen.
Caritas gehört zu meinem Leben.


Das Gespräch wurde von Frau Böge schriftlich überarbeitet.
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