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02.05.2013

Die Kirchenlehrin Hildegard von Bingen

Mit Hildegard von Bingen wurde zum vierten Mal einer Frau der Titel einer offiziellen Kirchenlehrerin gegeben. Die ersten beiden weiblichen Kirchenlehrer wurden 1970 ernannt. Damit hat die katholische Kirche 35 Kirchenlehrer. Hildegard von Bingen stammte aus der Benediktinerabtei in Rüdesheim, vielleicht haben Sie Lust für weitere Informationen einmal auf die Internetseite zu schauen oder einen Kurztrip zu machen:

Benediktinerinnenabtei St. Hildegard
Postfach 1320, D – 65378 Rüdesheim am Rhein
Klosterweg, D – 65385 Rüdesheim am Rhein
Tel.: 0049/(0)6722/499-0; Fax: 0049/(0)6722/499-178
e-mail: benediktinerinnen@abtei-st-hildegard.de
www.abtei-st-hildegard.de


Wir bringen im Folgenden Auszüge aus den Texten von Schwester Philippa Rath, anschließend Auszüge aus den offiziellen Dokumenten zu ihrer Heiligsprechung und zur Erhebung als Kirchenlehrerin:

Sr. Philippa Rath OSB, Abtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen

Die hl. Hildegard ist unvergessen, ja wird, wie es scheint, heute mehr verehrt als jemals zuvor. Ihr Kloster Rupertsberg wurde 1632 im 30-jährigen Krieg durch die Schweden zerstört und das Kloster Eibingen 1804 im Zuge der Säkularisation aufgelöst. 100 Jahre später wurde die Tradition wieder aufgenommen und die neue Abtei St. Hildegard wurde gebaut. Unsere Äbtissin ist heute die 39. Nachfolgerin der hl. Hildegard und trägt den Titel „Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen“.

Dass die hl. Hildegard nun am 07. Oktober 2012 auch noch zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, ist für uns eine späte Anerkennung ihrer theologischen Lebensleistung und auch Genugtuung, haben doch die Schwestern unseres Konventes gerade in den letzten 100 Jahren breite Hildegardforschung betrieben und maßgeblich an den textkritischen Editionen der hildegardischen Werke gearbeitet. Wie es scheint, hat die Kirche jetzt verstanden, wie viele Menschen in unserer Zeit durch sie neu zum Glauben, zur Kirche und zu einem gelungenen und sinnvollen Leben gefunden haben. So ist die hl. Hildegard wahrhaft eine Lehrerin der Kirche, die den Glauben verkündet und diesen mit ihrem eigenen Leben bezeugt hat.

Vielleicht hat sie sich den Termin für ihre Heiligsprechung und Erhebung zur Kirchenlehrerin sogar selbst gesucht – wer weiß. In jedem Fall braucht unsere Zeit vielleicht mehr denn je solche leuchtenden Vorbilder – Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat, der Welt, ebenso aber auch der Kirche.


In den beiden Büchern: Ordo Virtutum (Mysterienspiel) - Liber vitae meritorum (Buch der Lebensverdienste)

(...) schildert Hildegard den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der sich im Herzen des Menschen und überall in der Welt immer neu als Preis der Freiheit ereignet. In 35 dramatischen Dialogen lässt Hildegard lebensfördernde und lebensverneinende Kräfte (Tugenden und Laster) zu Wort kommen und ihren Streit um die Seele des Menschen ausfechten. Der Mensch ist in diesem Kampf aufgefordert, sich immer neu zu entscheiden. Er ist dazu fähig, weil er von Natur aus mit der - wie Hildegard sie nennt - „bona et mala scientia“ (dem Wissen um Gut und Böse) ausgestattet ist. Gemeint ist damit das, was wir heute als Gewissen bezeichnen, jene Instanz, die tief im Inneren anzeigt, was richtig und was falsch ist, und die Hildegard bereits radikal ernst nahm. „Da du dieses Wissen um Gut und Böse in dir hast“, sagt sie “und da du die Fähigkeit hast, entsprechend zu wirken und zu handeln, kannst du dich durch nichts entschuldigen“. Und weiter: „Wer das Gute nicht tut, wen Gesetzlosigkeit, Gewalt und Willkür beherrschen, der macht sich selbst unfrei und wird so zum Sklaven seiner eigenen Begierden.“
Sind diese Gedanken nicht heute wieder ganz aktuell?
(...) Sittliches Handeln und äußeres Wohlbefinden, d.h. Gesundheit, gehörten für Hildegard untrennbar zusammen. Christus selbst ist für sie der „magnus medicus“ (Scivias I,3). Deshalb ist eine Leben nach seinen Geboten das Heilmittel und Mittel zum Heil schlechthin. Auf dem Weg über die Ethik weist uns Hildegard also den Weg zu einer heilsamen und gesunden Lebensordnung, Lebensführung und Lebensplanung. Ziel ist es dabei auch hier wieder, die verlorene Einheit zwischen dem Schöpfer auf der einen Seite und dem Geschöpf und der Schöpfung auf der anderen Seite wieder herzustellen.

Die natur- und heilkundlichen Schriften

Der Einheits- und Ganzheitsgedanke steht auch im Mittelpunkt der natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards, die ca. zwischen 1150 und 1165 ebenfalls auf dem Rupertsberg entstanden. Das nicht mehr erhaltene Originalwerk trug einst den Titel „Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum“, wurde aber bereits im 13 Jahrhundert aufgeteilt in die beiden Werke „Physica“(Liber simplicis medicinae), die eine Beschreibung bestimmter Pflanzen, Bäume, Kräuter, Tiere und Steine enthält und als eine Art Sachbuch zur Bibel verstanden werden kann,
und in die „Causae et curae“, in der Heil- und Behandlungsmethoden verschiedener Krankheiten beschrieben werden. Inhaltlich handelt es sich bei beiden Schriften um sehr kenntnisreiche Kompilationen aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, volkskundlichen Erkenntnissen, antiker naturkundlicher und medizinischer Überlieferung sowie christlichen und vor allem benediktinischer Traditionen, so z.B. wenn Hildegard die Barmherzigkeit (misericordia), die Reue des Herzens und eine maßvolle, geordnete Lebensführung als die Heilmitttel schlechthin bezeichnet. Klöster - und das traf sowohl für den Disibodenberg wie auch für den Rupertsberg zu, waren im Mittelalter die Heilstätten schlechthin. Mönche und Nonnen hatten Kräutergärten und Apotheken und gaben schriftlich und mündlich ihr Heilwissen von einer Klostergeneration zur anderen weiter. Auch Hildegard stand ganz in dieser Tradition. Dies alles zusammen brachte den Ruf einer „ersten deutschen Naturwissenschaftlerin und Ärztin “ ein, und dies ist es wohl auch, was sie heute für viele Menschen so interessant und begehrt macht.

Bei all dem darf man allerdings nicht vergessen, dass es Hildegard nie nur isoliert um die Gesundheit des Leibes ging. Leib und Seele, Körper und Geist, Lebensführung und Glaube bildeten für sie eine untrennbare Einheit. Dies lässt sich exemplarisch sehr schön an Hildegards Schlüsselbegriff für ein gesundes und heiles Leben zeigen, nämlich der „Viriditas“. „Es gibt“, so schreibt sie, „eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün.“ Die naturhafte grüne Lebensfrische ist für sie ein Spiegelbild für jene Gottheit, die im Grund der Ewigkeit verborgen liegt.

Natürlich wird die „Viriditas“ auch ganz elementar verstanden: als das Grünen und Blühen in der Natur, als das Wachsen und Werden, das Reifen und Vollenden. Das Grün ist die Lebenskraft schlechthin. Es lebt in der Flamme, es schillert im Wasser, es durchfeuchtet den Stein und es weht in der Luft. Auch alle Seelenkräfte des Menschen sind für Hildegard grün. Sogar die Liebe bekleidet sich mit einem grünen Gewand. Schließlich aber - und hier kehrt Hildegard erneut von der elementaren und der leib-seelischen Ebene zurück auf die geistliche Ebene - schließlich kommt die Grünkraft erst in Christus zum eigentlichen Durchbruch, als Gott selbst im grünen Schoß Mariens Mensch wurde. Hier schließt sich der Kreis, und wir erfahren erneut, wie sehr Hildegards Denken allumfassend war und niemals losgelöst und aus dem Zusammenhang gerissen betrachtet werden darf.

Hildegards Schau umfasst die ganze Welt in all ihren Bezügen. Auch ihre Natur-und Heilkunde ist deshalb nur von der Heilsgeschichte her zu deuten. Hildegard selbst hat dies auf die schlichte Formel gebracht:“ Opus verbi viriditas“ - Der Geist Gottes wirkt schöpferisch, grünt, reift und bringt Frucht - das ist das Leben.





Päpstliches Dekret über den Vollzug der Kanonisation Hildegards von Bingen
vom 10. Mai 2012
BENEDIKT XVI. BISCHOF,

Diener der Diener Gottes, zum unvergänglichen Gedächtnis folgender Sache:


„Rufen wir immer den Heiligen Geist an, er möge in der Kirche weise und mutige Frauen erwecken wie die heilige Hildegard von Bingen, die, indem sie die von Gott erhaltenen Gaben wertschätzen, ihren wertvollen und je eigenen Beitrag zum geistlichen Wachstum unserer Gemeinschaften und der Kirche in unserer Zeit leisten.“

(...)Hildegard wurde im Jahre 1098 in Bermersheim in der Nähe von Alzey als Tochter adliger und wohlhabender Eltern geboren. Mit 14 Jahren wurde sie in das Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg aufgenommen, in dem sie im Jahre 1115 ihre Ordensgelübde ablegte. Als Jutta von Sponheim etwa im Jahre 1136 starb, wurde Hildegard als ihre Nachfol-gerin zur Magistra gewählt. Ihr geistliches Fundament war die Benediktusregel, die zum Weg der Heiligkeit geistliche Ausgeglichenheit und maßvolle Askese bestimmt. Wegen der wachsenden Zahl der Nonnen, was vor allem ihrer Vorbildlichkeit zuzuschreiben war, gründete sie im Jahre 1150 ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, in das sie mit zwanzig Schwestern übersiedelte. Im Jahre 1165 grün-dete sie ein zweites Kloster in Eibingen, auf der anderen Rheinseite. Beiden Klöstern stand sie als Äbtissin vor.
Innerhalb der Klostermauern kümmerte sie sich um das geistliche und leibliche Wohl ihrer Schwestern, indem sie für das Gemeinschaftsleben, für den Dienst und für die Heilige Liturgie auf außerordentliche Weise Sorge trug. (...) Auf die Bitte unserer Vorgänger, Hadrian IV. und später Alexander III., hin verwirklichte sie ein fruchtbares Apostolat, als sie – zu damaliger Zeit ungewöhnlich – ab dem Jahr 1159 einige Reisen unternahm, um an öffentlichen Orten und in etlichen Kathedralen die Menschen aufzurütteln, u.a. in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Ihre tiefe mystische Erfahrung sowie ihre Schriften betreffend den Gottesdienst und die Spiritualität, haben sowohl den Gläubigen als auch prominenten Persönlichkeiten ihrer Zeit großen Nutzen gebracht und bewirkten nachhaltige Erneuerungen in der Theologie, in den Naturwissenschaften und in der Musik. In der Person Hildegards von Bingen stehen die Lehre und das alltägliche Leben in vollstem Einklang. Die Tugenden, die sie mit großem Einsatz lebte, sind fest in der Heiligen Schrift, der Liturgie und bei den Kirchenvätern verwurzelt. Sie führte sie unter dem Licht der Benediktusregel mit Klugheit zur Vollendung. Sie verband ihren scharfen Geist und die Gabe, mit der sie die himmlischen Dinge verstand, mit bestän-digem Gehorsam, Einfachheit, Liebe und Gastfreundschaft. Sie bemühte sich darum, dass in ihren zahlreichen Schriften ausschließlich die göttliche Offenbarung kundgetan und Gott in seiner klaren Liebe erkannt wird. Hildegards Lehre zeichnet sich sowohl durch die Tiefgründigkeit und die Richtigkeit ihrer Auslegungen aus als auch durch die Neuigkeit ihrer Visionen, welche die Grenzen ihres Zeitalters weit überschreiten: Ihre Texte, die mit der wahren Liebe des Intellekts durchdrungen sind, bringen eine außergewöhn-liche Lebenskraft (viriditas) und Frische hervor, wenn man sie betrachtet im Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Inkarnation, der Kirche, der Menschheit und der Natur, die der Mensch als Gottes Geschöpf zu betrachten und der er zu dienen hat.
Nachdem sie im Sommer 1179 durch schwere Krankheit heimgesucht wurde, starb sie am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg bei Bingen, umgeben von ihren Schwestern, im Rufe der Heiligkeit.

Aufgrund dieses Rufes, der nach ihrem Tod wuchs, und auch aufgrund zahlreicher Wunder, die ihrer Fürsprache zugeschrieben wurden, baten die Nonnen des Klosters Rupertsberg unseren Vorgänger Gregor VII., dass ihre Mutter und Magistra auf Erden verherrlicht werde. Am 27. Januar 1228 beauftragte der Papst durch ein apostolisches Schreiben bestimmte Mainzer Prälaten, die entsprechenden Untersuchungen durchzuführen. Diese erfüllten die ihnen anvertraute Aufgabe innerhalb von fünf Jahren. So wurden die Prozessakten am 06. Dezember 1233 nach Rom gebracht, (...)Am 06. März 1979 hat unser ehrwürdiger Bruder Joseph Kardinal Höffner, Erzbischof von Erzbistum Köln und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zusammen mit deren Mitgliedern, zu denen auch wir, damals Kardinal und Erzbischof von München und Freising, gehörten, dem
seligen Johannes Paul II. die Bitte unterbreitet, dass Hildegard von Bingen zur Lehrerin der Universalkirche erhoben werde. (...) Dieser Bitte, die wir erwähnt haben, folgen mehrere Bitten, vor allem der Nonnen des Klosters in Eibingen, das Hildegards Namen trägt. Außer was die Heiligkeit betrifft, wurde hier auch die Bitte hinzugefügt, dass Hildegard zur Lehrerin der Universalkirche erhoben werden möge.

(...) So erklären wir kraft unserer apostolischen Autorität zur Ehre Gottes, zur Mehrung des Glaubens und zum
Wachstum des christlichen Lebens, dass Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des heiligen Benedikt, heilig ist, in den Katalog der Heiligen eingetragen wird(...) Rom bei St. Peter, am 10. Mai des 2012. Jahres des Herrn, im achten Jahr meines Pontifikats.



Apostolisches Schreiben zur Erhebung der heiligen Hildegard von Bingen
zur Kirchenlehrerin vom 07. Oktober 2012
(L’Osservatore Romano 16.11.2012, Seite 10-11)
BENEDIKT PP. XVI

Zum ewigen Gedächtnis folgender Sache:


1. „Licht ihres Volkes und ihrer Zeit“: Mit diesen Worten bezeichnete Unser ehrwürdiger Vorgänger, der sel. Johannes Paul II., die hl. Hildegard von Bingen im Jahr 1979 anlässlich des 800. Todestages der deutschen Mystikerin. Und tatsächlich hebt sich vor dem Horizont der Geschichte diese große Frauengestalt durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Originalität ihrer Lehre ab. Ja, wie bei jeder echten menschlichen und theologischen Erfahrung reicht ihr Ansehen weit über die Grenzen einer Epoche und einer Gesellschaft hinaus, und ungeachtet der zeitlichen und kulturellen Distanz erweist sich ihr Denken von bleibender Aktualität.
In der hl. Hildegard von Bingen offenbart sich eine außergewöhnliche Harmonie zwischen Lehre und täglichem Leben. (...) die in ihren Schriften gegenwärtige tiefe Spiritualität übt einen beträchtlichen Einfluss sowohl auf die Gläubigen wie auf große Persönlichkeiten ihrer Zeit aus, indem sie sie in eine wirksame Erneuerung der Theologie, der Liturgie, der Naturwissenschaften und der Musik einbezieht.

(...) Außer Büchern über Theologie und Mystik verfasste sie auch Werke zu Medizin und Naturwissenschaften. Sehr zahlreich sind auch die von ihr hinterlassenen Briefe – ungefähr 400 -, die sie an einfache Menschen, an Ordensgemeinschaften, an Päpste, Bischöfe und weltliche Autoritäten ihrer Zeit gerichtet hat. Sie war auch Komponistin geistlicher Musik. Die Sammlung ihrer Schriften lässt sich hinsichtlich des Umfangs, der Qualität und der Vielfalt von Interessen mit keiner anderen Autorin des Mittelalters vergleichen.
Die Hauptwerke sind: Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Buch der Verdienste des Lebens) und Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke). Alle erzählen von ihren Visionen und von dem vom Herrn erhaltenen Auftrag, sie niederzuschreiben. Keine geringere Bedeutung haben im Bewusstsein der Verfasserin die Briefe, die von Hildegards Aufmerksamkeit für das Geschehen ihrer Zeit Zeugnis geben, das sie im Licht des göttlichen Geheimnisses deutet. Dazu kommen 58 Predigten, die ausschließlich an ihre Mitschwestern gerichtet sind. Es handelt sich um Expositiones evangeliorum, also Auslegungen der Evangelien, die einen wörtlichen und moralischen Kommentar zu den für die Hauptfeste des Kirchenjahres vorgesehenen Abschnitten der Evangelien enthalten. Die Arbeiten künstlerischen und wissenschaftlichen Charakters konzentrieren sich in besonderer Weise auf die Musik, mit der Symphonia armoniae caelestium revelationum; auf die Medizin mit dem
Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum und mit der Schrift Causae et curae; über die Naturwissenschaften mit der Physica. Schließlich sind auch Schriften sprachwissenschaftlichen Charakters zu nennen, wie die Lingua ignota und die Litterae ignotae, in denen Worte in einer unbekannten, von ihr erfundenen Sprache aufscheinen, die aber vorwiegend aus in der deutschen Sprache vorhandenen Phonemen zusammengesetzt sind.
Die von einem originellen und ausdrucksstarken Stil gekennzeichnete Sprache Hildegards greift gern zu poetischen Ausdrücken von starker Symbolkraft, mit treffenden Eingebungen, einprägsamen Analogien und beeindruckenden Metaphern.

(...) Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen: das ist die grundlegende Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist ganz positiv: Der Mensch ist imstande, sich dieser Erkenntnis durch den Glauben wie durch eine Tür zu nähern. Dennoch bewahrt Gott immer seinen Nimbus des Geheimnisses und der Unergründlichkeit. Er wird erkennbar in der Schöpfung, aber diese wird ihrerseits nicht voll erkannt, wenn sie von
Gott getrennt wird. Denn die Natur, an sich betrachtet, liefert nur Teilinformationen, die nicht selten Anlass zu Irrtümern und Missbrauch sind. Deshalb braucht es auch in der Dynamik der natürlichen Erkenntnis den Glauben, andernfalls ist die Erkenntnis eingeschränkt, unbefriedigend und irreführend.
(...)5. Hildegards Anthropologie geht vom biblischen Bericht über die Erschaffung des Menschen nach dem Abbild und Gleichnis Gottes (Gen 1,26) aus. Nach der auf die Bibel gegründeten Kosmologie Hildegards enthält der Mensch alle Elemente der Welt, weil in ihm, der aus derselben Materie wie die Schöpfung geformt ist, das gesamte Universum zusammengefasst ist. Deshalb kann er bewusst zu Gott in Beziehung treten. Das geschieht nicht durch eine direkte Schau, sondern nach dem berühmten Pauluswort „wie in einem Spiegel“ (1 Kor 13,12). Das göttliche Bild im Menschen besteht in seiner Vernunftbegabtheit, die in Verstand und Willen gegliedert ist. Dank des Verstandes ist der Mensch dazu fähig, gut und böse zu unterscheiden, dank des Willens wird er zum Handeln angespornt.

Der Mensch wird als Einheit von Leib und Seele gesehen. Bei der deutschen Mystikerin stellt man eine positive Wertschätzung der Leiblichkeit fest, und auch in den Zeichen der Gebrechlichkeit, die der Leib aufweist, vermag sie einen von der Vorsehung bestimmten Wert zu erfassen: Der Leib ist nicht eine Last, von der man sich befreien muss, und selbst, wenn er schwach und gebrechlich ist, „erzieht“ er den Menschen zum Sinn für die Kreatürlichkeit und Demut, indem er ihn vor dem Hochmut und der Arroganz schützt. In einer Vision erschaut Hildegard die Seelen der Seligen des Paradieses, die darauf warten, sich wieder mit ihren Leibern zu vereinigen. Denn wie beim Leib Christi werden auch unsere Körper durch eine tiefgreifende Umgestaltung für das ewige Leben auf die glorreiche Auferstehung ausgerichtet. Die Gottesschau, in der das ewige Leben besteht, kann ohne den Leib nicht endgültig erreicht werden.

Der Mensch existiert in der Gestalt des Mannes und der Frau. Hildegard erkennt, dass in dieser Seinsstruktur des menschlichen Zustands eine Beziehung der Gegenseitigkeit und eine wesentliche Gleichheit zwischen Mann und Frau ihre Wurzel hat. Im Menschsein wohnt jedoch auch das Geheimnis der Sünde, und diese tritt zum ersten Mal in der
Geschichte gerade in dieser Beziehung zwischen Adam und Eva zutage. Im Unterschied zu anderen mittelalterlichen Autoren, die die Ursache für den Sündenfall in der Schwäche Evas sahen, begreift Hildegard sie vor allem aus Adams maßloser Leidenschaft für Eva.

Auch in seinem Zustand als Sünder bleibt der Mensch weiterhin zum Empfänger der Liebe Gottes bestimmt, weil diese Liebe bedingungslos ist und nach dem Sündenfall das Antlitz der Barmherzigkeit annimmt. Selbst die Bestrafung, die Gott dem Mann und der Frau auferlegt, lässt die barmherzige Liebe des Schöpfers zum Vorschein kommen. In diesem Sinn ist die zutreffendste Beschreibung der Geschöpfe die eines Wesens, das unterwegs ist, eines homo viator. Auf dieser Pilgerschaft zur ewigen Heimat ist der Mensch zu einem Kampf aufgerufen, um ständig das Gute wählen und das Böse vermeiden zu können.

Die ständige Wahl des Guten bringt ein tugendhaftes Dasein hervor. (...). Ihre Botschaft erscheint außerordentlich aktuell in der heutigen Welt, die für das Gesamtbild der von ihr vorgeschlagenen und gelebten Werte besonders empfänglich ist. Wir denken zum Beispiel an Hildegards charismatische und spekulative Fähigkeit, die wie ein lebendiger Ansporn zur theologischen Forschung erscheint; an ihr Nachdenken über das in seiner Schönheit betrachtete Geheimnis Christi; an den Dialog der Kirche und der Theologie mit der Kultur, der Wissenschaft und der zeitgenössischen Kunst; an das Ideal des geweihten Lebens als Möglichkeit menschlicher Verwirklichung; an die Aufwertung der Liturgie als Feier des Lebens, an die Idee einer Reform der Kirche, nicht als sterile Veränderung der Strukturen, sondern als Umkehr des Herzens; an ihre Feinfühligkeit für die Natur, deren Gesetze zu schützen sind und nicht verletzt werden dürfen.

Daher hat die Zuerkennung des Titels Kirchenlehrerin der Gesamtkirche an Hildegard von Bingen große Bedeutung für die heutige Welt und außerordentliche Bedeutung für die Frauen. In Hildegard kommen die edelsten Werte der Fraulichkeit zum Ausdruck: Deshalb werden von ihrer Gestalt her auch die Anwesenheit der Frau in der Kirche und in der Gesellschaft aus der Sicht sowohl der wissenschaftlichen Forschung wie des pastoralen Wirkens beleuchtet. Ihre Fähigkeit, zu denen zu sprechen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, macht Hildegard zu einer glaubwürdigen Zeugin der Neuevangelisierung.(...)

Am 27. Mai 2012, dem Pfingstsonntag, hatten wir die Freude, zu Beginn der Versammlung der Bischofssynode und am Vorabend des „Jahres des Glaubens“ auf dem Petersplatz der Menge der aus der ganzen Welt zusammengeströmten Pilger die Nachricht von der Zuerkennung des Titels Kirchenlehrer an die Heilige Hildegard von Bingen und an den Heiligen Johannes von Avila mitzuteilen.
Das ist also heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der ganzen Kirche geschehen. (...)

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, mit dem Siegel des Fischers, am 7. Oktober 2012, dem achten Jahr Unseres Pontifikats.
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