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22.06.2013

Weidener Pfarrergeschichten

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Treffpunkt ist der Platz des Wochenmarktes in Weiden. Die Stadtteilführung hat am 25. Mai ihr 10. Jubiläum. Aber nicht nur Neubürger sind da, eine überwältigende Anzahl von Weidenern und Lövenichern nimmt an der Führung teil, die im Zeichen des Abschieds von Msgr. Rainer Fischer steht. Die Führung ist ökumenisch und Katholiken wie Protestanten sind der Einladung gefolgt.

Vier Stationen wird die Führung durch den Ort haben und Pfr. Fischer erzählt Erlebnisse aus den letzten 30 Jahren. Erste Anlaufstation ist der Alte Friedhof von Weiden. Bis wir den Friedhof erreichen, regnet es in Strömen und wir stehen mit Schirmen unter den großen Bäumen und hören gebannt zu. Die Stimme von Pfr. Fischer trägt über alle Regenschirme hinweg und wir fragen nicht, was ihn bewegt, ausgerechnet hier anzufangen, wo sein Vorgänger, Dagobert Sommer, begraben liegt. Er sei erst der dritte Pfarrer von Weiden, es könne also nur besser werden, flachst Fischer in bekannter Weise. Der Tod ist im Leben des Pfarrers präsenter als in anderen Lebenläufen, das wird deutlich. Gräber erinnern an Menschen und an Beerdigungen. Pfr. Fischer sind viele im Gedächtnis und wann immer er an diesen Gräbern vorbeigeht, werden Menschen wach in seiner Erinnerung und er schickt ein Gebet zum Himmel, dass er sie aufnehme. Es sind private Momente, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Beerdigungen sind in der Regel traurig. Die, von der er uns erzählt, war es nicht: Eine Schaustellerin war gestorben. Viele Jahre war sie von Ort zu Ort gezogen. Bei ihrer Beerdigung waren auf dem Friedhof überall Lautsprecher aufgestellt. Viele Kollegen waren da. Es wurde der „Schneewalzer“ gespielt und alles sang mit. "Es war eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest", sagt Fischer, "entsprechend dem Leben dieser Frau". Am schlimmsten seien die Beerdigungen von Kindern. Man kann nur menschlich dem Andern beistehen. Letztlich gehöre der Tod zum Leben.

Der Weg führt uns zur nächsten Station, vorbei an der Üsdorfer Kapelle. Die Kapelle ist der Überrest eines großen Bauernhofes, der hier stand. Üsdorf ist die Keimzelle von Weiden. Sie wurde von der Stadt der Gemeinde St. Marien zum Preis von 1 DM angeboten, mit der Auflage sie zu restaurieren. Für Pfr. Fischer war es die dritte Kirche in Weiden. Einige nennen sie heute liebevoll den „Üsdorfer Dom“. Die ersten Arbeiten begannen wie in einem Krimi. Es wurden Knochen gefunden. Gab es einen Mord in Weiden? Dann kam die Entwarnung aus dem Institut, das die Knochen untersuchte: Sie stammten aus dem 16. Jahrhundert. Die Knochen kamen im Schuhkarton zurück und erhielten ein „Staatsbegräbnis“ bei der Kapelle. Heute finden hier ökumenische Gottesdienste zur Fastenzeit und zur Adventszeit statt und eine monatliche Andacht.

Der Rundgang führt weiter zur Potsdamer Straße. Wir sehen ein langgestrecktes Haus, das heute als sozialer Brennpunkt gilt, das Asylbewerberheim, das erweitert werden wird im nächsten Jahr. "Das sind Nachbarn wie andere auch", sagt Pfr. Fischer, dem das Heim sichtlich am Herzen liegt und der seit er in Weiden ist, Kontakte herstellt und die Bewohner versucht zu integrieren. Einmal hat er Weihbischof Jansen mit hierher genommen. Normalerweise käme hier kein „hohes Tier“ her und dann ging er mit dem Bischof von Zimmer zu Zimmer. Es gab zahlreiche konkrete ökumenische Projekt in den letzten Jahren. Fischer hat mit den Aussiedlern Messe gefeiert. Es gab ein gemeinsames Nikolausfest, Hausaufgabenhilfe, Hilfen bei Wohnungsfindung und Behördengänge. Ein Sommerfest wurde auf der Wiese vor dem Heim veranstaltet. Pfr. Fischer bittet auch Frau Schatka zu erzählen, die zum engen Kreis der Helfenden gehört. Die Zusammensetzung der Flüchtlinge hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Auch darauf musste man sich einstellen. Zuerst waren es Aussiedler, Russlanddeutsche und Menschen aus der DDR, später Roma, jetzt Asylbewerber und Flüchtlinge aus Syrien und Irak. In der Pfarrei werden mittlerweile auch Sprachkurse angeboten. Früher jedoch kamen alte Leute z.T. mit dem Gebetbuch unter dem Arm aus Russland. Auch die Roma sind sehr katholisch. "Das sind Schwestern und Brüder wie die Eingesessenen", beschwört Fischer.

Nächste Station ist das Rheincenter. Das Einkaufscenter wurde neu eröffnet, als Fischer gerade in Weiden war. Es ist das meistbesuchte Haus in Weiden. Samstag morgens steht er am Eingang des Centers und ist für jeden ansprechbar, wann immer es seine Zeit zulässt. Hier werden mehr Gespräche geführt als im Beichtstuhl, so Fischer. Anfangs wollten Pfr. von Eckardstein und er ein kleines Zimmer für religiöse Zwecke im Center errichten, einen Raum der Ruhe. Als sie den Quadratmeterpreis hörten, stellten sie einen Antrag beim Hauseigentümer, dem Otto Versand Hamburg für 2 qm. Der Antrag wurde abgelehnt, mit der Begründung: "weil Sie nichts umsetzen!"

Mit der Leitung des Rheincenters in Weiden gab es dagegen immer gute Kooperation. Unter dem Motto: „Wie heirate ich richtig“ gab es während einer Hochzeitsausstellung einen ökumenischen Stand. Auf einem Teller lagen Trauringe und zahlreiche Brautpaare nahmen das Angebot in Anspruch und ließen sich beraten.

In der Zeit als Salman Rushdie Schlagzeilen machte, erhielt Frau Dördelmann (Pfarrhaushälterin) einen Anruf mit arabisch klingender Stimme: „Um 7 Uhr geht das Rheincenter in die Luft!“ Pfr. Fischer klingelte sofort den Direktor heraus, sie teilten das Center auf und komplimentierten die Leute vorsichtig heraus unter dem Vorwand, es werde vorzeitig geschlossen. Glücklicherweise passierte nichts, alle blieben cool und die Geschäfte haben super mitgemacht. Die Ermittlungen der Kripo blieben auch erfolglos.

Einen Ausklang erhält der Rundgang durch Weiden in der Heilig-Geist-Kirche. Fischer erinnert sich gern an die Jugendlichen aus Italien, Costa Rica und Ecuador anlässlich des Weltjugendtages 2005 in Köln. Sie gaben der Kirche ein geradezu südländisches Flair. Einmal saßen 30 oder 40 spanische Jugendliche mucksmäuschenstill auf dem Boden, weil ihr Bischof da war und lauschten ihm. Fischer erinnert sich, als er während des Weltjugendtages eine Privataudienz bei Papst Benedikt erhielt. Er kannte den Papst von der Universität Bonn. „Des war a schöne Zeit, gell?“, sagte ihm Ratzinger. Aber die Heilig-Geist-Kirche steht auch für die Ökumene. Am Weltjugendtag gab es zusammen mit der evangelischen Gemeinde eine Fahrradwallfahrt zum Marienfeld.

Wichtigster Schritt war jedoch die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags 2006 zwischen der katholischen Gemeinde St. Marien und der ev. Gemeinde Weiden/Lövenich. Zwei Gemeinden haben es fertiggebracht sich zu verpflichten gemeinsame Wege zu gehen. "Meine Bitte", so Pfr. Fischer, "lasst uns das Gewachsene ausbauen!" 2007 dagegen war die katholische Kirche Gast auf dem evangelischen Kirchentag in Köln. Vor dem Irakkrieg gab es gemeinsame Friedensgebete, bei denen von Mal zu Mal mehr Menschen kamen. Aber nicht nur vor Kriegen, so Fischer, sollten wir gemeinsam beten und so endet unsere Stadtführung mit einem gemeinsamen Gebet.

Bettina Vogel-Walter


Die Stadtteilführungen werden organisiert von der evangelischen Gemeinde Weiden/Lövenich und den katholischen Gemeinden St. Marien und St. Severin. Ursprünglich waren sie für die Neuzugezogenen konzipert, finden aber auch bei den Alteingesessenen großen Anklang.
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